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MOOCs ohne Grenzen: Adaptivität und Flexibilität als neue Gütekriterien

„We have a lousy product!“, sagte Sebastian Thrun über das MOOC-Angebot im November 2013, und er hatte Recht: Hohe Anmeldezahlen, doch nur geringe Aktivitäten der Teilnehmer und noch geringere Abschlussquoten. Das war und ist der Alltag. Mit rhetorischen Fragen, wie „5 Prozent von 10.000 Teilnehmern – ist das nichts?“, versucht man sich die Lage schönzureden. Auf den ersten Blick durchaus schlüssig, denn wer gibt im Hochschulalltag ständig 500 Zertifikate für einen Kurs aus? Doch – ehrlich gesagt – mein Anspruch an gute Lehre ist das nicht. Jeder Teilnehmer eines Kurses, der einen Kurs nicht zu Ende bringt, egal ob in einem On-Campus-Kurs oder in einem MOOC, wirft Zweifel auf.

Wenn ich in einem curricular verankerten Seminar 10 Prozent Abbrecher habe (das ist der Durchschnitt in meinen Lehrveranstaltungen vor Ort), dann frage ich mich, woran das liegt und suche zuerst die Schuld bei meiner eigenen Lehre: Stimmen die Inhalte nicht, sind die Prüfungsleistungen nicht zielführend oder sind meine Inhaltsvermittlungsstrategien einfach zu schlecht? Am Ende dieser Selbstanalyse unter Einbeziehung studentischer Evaluationen stehen in der Regel ein veränderter Kurs, ein verändertes Konzept, neue Übungsaufgaben – all das verbunden mit der Hoffnung, es besser zu machen.

Und bei unseren MOOCs am Virtual Linguistics Campus (VLC) in Marburg? Schauen wir uns einmal eine typische Statistik an (MOOC Linguistics 101 – Linguistic Fundamentals, Winter 2015):
• Angemeldete Teilnehmer: 971
• Aktiv im Kurs: 578 (60%)
• Zertifikate: 393 (40%)
• Participation: 160 (16%)
• Accomplishment: 233 (24%)
• Graded (gegen Gebühr): 91 (9%)

Im internationalen Vergleich sind das Spitzenwerte. Dennoch stimmen mich diese Werte bedenklich. Im Klartext: 40 Prozent aller angemeldeten Teilnehmer waren nicht ein einziges Mal online aktiv! Diese Phänomen „Anmeldung ohne Aktivität“ ist aus der Präsenzlehre ebenfalls bekannt: Man meldet sich wohl aus Sicherheitsgründen, nichts Besseres zu finden, zu einem Kurs an, erscheint dann aber nicht ein einziges Mal. Nur liegen diese Zahlen bei weniger als 5 Prozent, ein Wert, der für MOOCs aufgrund ihrer Offenheit wohl niemals erreichbar sein wird. Es wird immer Teilnehmer geben, die sich aufgrund des „Herdentriebes“ für einen Kurs anmelden, es später aber versäumen, in irgendeiner Form aktiv mitzumachen.

Wie lassen sich MOOCs also so umgestalten, dass auch „Gelegenheitsteilnehmer“ mit ins Boot genommen werden?

Zunächst einmal müssen auch MOOCs den einfachsten didaktischen Ansprüchen genüge tun. Nur mit Videos und zusätzlichen Multiple-Choice Quizzes ist es nicht getan. Vernünftiges Lehren und Lernen sieht anders aus. Hier ist bei vielen MOOCs Handlungsbedarf, sie sind sowohl inhaltlich als auch didaktisch zu einfach gestrickt! Es fehlen zusätzliche Übungsmaterialien mit Musterlösungen, die Tests sind viel zu einfach und auf Multiple-Choice, oft auch völlig statischer Natur, beschränkt, und zusätzlich erfordern einige MOOCs noch dazu einen viel zu hohen Betreuungsaufwand (Werbung, Betreuung der Foren, Korrekturen), der sich nicht im Lehrdeputat widerspiegelt.

Mit zwei Parametern wollen wir ab Mitte 2015 die Akzeptanz unserer jetzt schon nahezu vollständig automatisierten MOOCs weiter steigern: Zum einen werden wir die allgemeinen administrativen Rahmenbedingungen für die Teilnehmer besser ihren Bedürfnissen anpassen und zum zweiten wollen wir Lernwege und Übungsmaterialien individualisieren.

MOOCs sollten wie alle Online-Kurse die Möglichkeit des zeitlich- und örtlich nicht restriktiven Zugangs zu den Lehrmaterialien bieten. Bisher allerdings haben wir, wie auch alle anderen MOOC-Anbieter, unsere Online-Kurse mit festen Taktungen versehen. Es gab verschiedene Deadlines: die Anmeldefrist, der Kursbeginn, die Fristen für die einzelnen Lerneinheiten, die Fristen für die Bereitstellung von Musterlösungen, das Kursende und die Fristen für den Versand von Zertifikaten. Echte zeitliche Unabhängigkeit konnte bisher nicht oder nur in geringem Maße (innerhalb gewisser Taktungen) garantiert werden. Daher sind Kommentare aus den durchweg positiven Evaluationen wie die folgenden nur allzu verständlich:
• As usual, I loved the course. I teach so couldn’t do the lessons as regularly as I would have liked to; but tried to cram in as many as I could before the deadline.
• These classes are great, but too extensive for just two months.
• I failed to submit the last worksheet because the deadline was over.

Mit einem neuen System von „MOOCs im Dauerbetrieb“, unseren pMOOCs (permanent MOOCs) soll ab Mitte 2015 ein neues Kapitel aufgeschlagen werden. Alle MOOCs des Virtual Linguistics Campus werden dann zu einer Dauereinrichtung mit flexiblen Anmeldedaten und benutzerdefinierten, aber jederzeit veränderbaren Taktungen. Mit anderen Worten: Jeder Teilnehmer bestimmt seinen Rhythmus selbst. Mit kurzen personalisierten und automatischen Erinnerungsmails wird er zusätzlich auf die selbst definierten Abläufe aufmerksam gemacht. Die für diese administrative Anpassung notwendigen Verfahren ziehen keinen zusätzlichen Betreuungsaufwand nach sich, sie sind allesamt Bestandteil der Lernumgebung.

Zusätzlich soll das vorangestellte „p“ durch Maßnahmen der Personalisierung in unseren pMOOCs weitere Berechtigung erfahren. Im Rahmen des Projekts „Adaptive MOOCs“ werden gegenwärtig Prozeduren entwickelt, die dem Benutzer auf der Basis verschiedener Parameter, wie z.B. Leistungsstand, Kursaktivität, Alter, etc., individualisierte Lernpfade und speziell angepasste Übungs- und Testmaterialien anbieten. Wichtig: Die Option zur Adaptivität muss unter Kontrolle des Benutzers sein – sie muss jederzeit abschaltbar sein, das haben zumindest erste Versuche mit selektiven adaptiven Szenarien und die Reaktion der Teilnehmer darauf ergeben. Durch dieses System der optionalen Adaptivität werden die bisherigen „fit-all“-MOOCs zu personalisierten Online-Kursen, die sich gezielt an die Bedürfnisse des Lerners anpassen lassen.

Wie mein Kollege Hans Pongratz in seinem jüngsten Blogbeitrag fürs Hochschulforum Digitalisierung schrieb, wird es natürlich spannend, wie die einzelnen Hochschulen mit diesem Thema weiter umgehen. In unserem Fall schauen wir allerdings hauptsächlich auf die Zahlen. Werden unsere MOOC-Teilnehmer die neuen Optionen annehmen? Wir sind uns sicher, dass sie die Vorteile erkennen werden – Vorteile, die in der Online-Lehre eigentlich seit Jahren fester Bestandteil hätten sein müssen.

 

Weiterführende Literatur des Blog-Autors zum Thema:

Handke, Jürgen/Franke, Peter. 2013. xMOOCs im Virtual Linguistics Campus. In: Rolf Schulmeister (Hrsg.). MOOCs – Massive Open Online Courses. Münster: Waxmann Verlag: 101-126.

Handke, Jürgen. 2014. MOOCs – Vom “Lousy Product” zum Erfolgsmodell. Bonn: Forschung & Lehre, 5/2014, S. 356-357.

Handke, Jürgen. 2015. Handbuch Hochschullehre Digital. Marburg: Tectum Verlag.



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