Edtech World Tour (3): Enseña Chile – Soziales Unternehmertum im Bildungswesen

Teach for All ist eine weltweit agierende Organisation, entstanden 2007 als Dachorganisation von Teach First (UK) und Teach for America (US). Die Grundidee des Programms besteht darin,  junge Akademiker für zwei Jahre an benachteiligte Schulen zu schicken. “Diese Lehrkräfte unterstützen dort Schülerinnen und Schüler, verhelfen ihnen zu besseren Leistungen und tragen zu einem Ausbau ihrer persönlichen Fähigkeiten für ihren weiteren Lebensweg bei.” *1  Enseña Chile ist einer der 38 Partner von “Teach for All” und wurde 2009 gegründet. Seitdem haben 214 junge Lehrer das Programm abgeschlossen, während 149 noch dabei sind zu unterrichten. Insgesamt sind 78 “Brennpunktschulen” betroffen.

 

Die chilenischen Herausforderungen

Chile hat zwar das drittgrößte Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt in Lateinamerika, ist aber gleichzeitig eines der Länder mit den größten sozialen Ungleichheiten, wie sein Gini-Index von 52,6 beweist. Diese enormen Disparitäten zwischen Arm und Reich werden besonders in der Bildung sichtbar. Die besten Schulen sind privat und können bis zu 20.000 € pro Jahr kosten. 7 % der Bevölkerung haben Zugang zu den besten und teuersten Schulen, während die Mittelschicht (50 %) ihre Kinder in halb-staatliche, sogenannte Charter-Schulen, schickt. 43 % der Kinder besuchen öffentliche Schulen, die die schlechteste Infrastruktur besitzen und wo Lehrer am schlechtesten bezahlt werden.

Enseña Chile versucht diese Probleme zu bewältigen, indem es verantwortungsbewusste junge Akademiker, die Veränderung bewirken wollen und sich dafür leidenschaftlich engagieren, für zwei Jahre in die schwierigsten öffentlichen Schulen schickt. Diese unterrichten zwei Jahre lang ein Fach, das sie studiert haben oder das sie sehr gut beherrschen.

 

Wie soziales Unternehmertum den Unterschied machen kann

“To change Education, we must not wait for government policies. Instead we have to use entrepreneurial energy and the minds of the civil society.”

(German Echecopar, Gründer von Edtech Chile)

Wir hatten das Vergnügen, drei inspirierende Unternehmer und Enseña Chile-Alumni in Santiago zu treffen. Alle sind zwar nicht im Bereich der digitalen Bildung tätig, aber ihre Erfahrung in Brennpunktschulen ermöglicht ihnen, die Probleme dieser Schulen zu verstehen und die richtigen Lösungsansätze dafür zu finden.

 

Juan Paulo Sánchez & CREE Colegios

CREE

Zusammen mit einem anderen Alumnus von Enseña Chile hat Juan Paulo die CREE (Comunidad, Responsabilidad, Equipo y Excelencia) Schule in Cerro Navia, einem der ärmsten Viertel von Santiago, gegründet. CREE ist eine Schule, die auf dem erfolgreichen Modell der KIPP Schulen in den USA aufbaut, ein nationales Programm kostenloser, frei zugänglicher Schulen, die sich dem Erfolg der Schüler aus benachteiligten Familien widmen.

“What would schools be like if every teacher was trying as hard as Enseña Chile teachers in vulnerable communities?” *2

(Juan Paulo Sánchez)

Aus über tausend Bewerbungen werden 24 Lehrer ausgewählt und weitergebildet, damit CREE die Schule mit den besten Ergebnissen des Landes wird.

 

Carolina Rivera & Innovacien.org

innovacien

“Most schools in Chile have access to technology, but most teachers don’t have a clue on how to use it!” teilte uns Carolina, Enseña Chile-Alumna und immer noch Teilzeit-Philosophielehrerin, mit. Und genau dieses Problem möchte sie mit ihrer Organisation, Innovacien lösen. Innovacien ist eine NGO, die sich für mehr Kreativität und Unternehmertum im Schulsystem einsetzt, teilweise durch die Weiterbildung von Lehrern und die Durchführung von kostenlosen Programmen für Schüler. Carolina möchte mit Innovacien auch Lehrer weiterbilden und ihnen zeigen, wie sie Technologie sinnvoll in ihrem Unterricht einsetzen können.

“A lot of entrepreneurs aim to create programs for teachers and have never been one nor have one in their team…! That’s completely crazy.” *3

(Carolina Rivera)

 

Tomás Despouy & Panal

panal

Tomás Despouy hat eine NGO gegründet, die Kinder im Brennpunkt befähigen will, Akteure der Veränderung zu werden. “Momentan sind Schüler der passive Teil der Bildungsgleichung”, meint Tomás, und das versucht er mit Panal zu ändern. Seiner Meinung nach sieht heutzutage die Bildungsgleichung so aus: well trained teachers + great principal + qualititive and engaging content = prepared students. Diese müsse sich ändern, damit Schüler eine aktive Rolle in ihrem Erfolg übernehmen. Die Idee kam ihm, während er Mathelehrer für Enseña Chile war und sich fragte, wie er überforderten Lehrer helfen könnte. Die Lösung liegt für ihn in den Schülern: Panal bietet kostenlose Workshops für 30 ausgewählte Schüler pro Schule, die sich dafür bewerben und die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Diese denken sich Projekte für ihre Schule aus – z. B. eine Anti-Mobbing-Kampagne oder die Einführung eines “healthy snack day” – je nach dem, welche Probleme diese Schüler lösen wollen. Sie werden zu fünf kostenlosen Workshops eingeladen, wo sie mit der Design-Thinking-Methodik ein Problem identifizieren, das sie für ihre Schule lösen wollen, und lernen, Lösungsansätze in Form eines Projekts zu erbringen.

“Panal is kind of the Teach for All for students, we empower them to take responsibilities, to promote innovation within their schools and become the problem-solvers of the 21st century.” *4

(Tomás Despouy)

 

Teach for All bildet weltweit eine große Anzahl von verantwortungsvollen, leidenschaftlichen Unternehmern aus, die nach zwei Jahren in benachteiligten Schulen eine Verbesserung bewerkstelligen wollen. Daten des amerikanischen Programms “Teach for America” zeigen uns, dass 65 % der Alumni im Bildungsbereich bleiben.*5

 

Die Edtech World Tour ist eine Forschungsreise zur Entdeckung innovativer digitaler Bildungspraktiken weltweit. Wir stellen uns besonders die Frage, welche Rolle digitale Bildung für mehr Chancengerechtigkeit und einen besseren Zugang zu Bildung haben kann. Dafür sind wir fünf Monate unterwegs und besuchen Schulen und Unis, treffen uns mit Unternehmern, Denkern und Innovatoren der digitalen Bildungswelt, um so viele Einblicke in “best practices” aus jedem Land zu bekommen. Wir sind in den USA, Chile, Neuseeland, Australien, Indien, Südkorea und Südafrika unterwegs.

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*1: Siehe Beschreibung des Programms auf der Webseite der deutschen Antenne: Teach First Deutschland. http://www.teachfirst.de/uber-uns/herausforderung-bildung/#sthash.aD60Otli.dpuf (zuletzt aufgerufen am 27.12.2015)

*2: Sanchez, Juan Paulo (Cree Colegio, Cerro Navia, Santiago de Chile): mündliche Mitteilung vom 20.11.2015

*3: Rivera, Carolina (Innovacien HQ, Santiago de Chile): mündliche Mitteilung vom 26.11.2015

*4: Despouy, Tomás (Socialab, Santiago de Chile): mündliche Mitteilung vom 3.12.2015

*5: Diese Zahlen betreffen lediglich das US-amerikanische Programm, da es das älteste ist, und genug Daten verfügbar sind. Quelle: https://www.teachforamerica.org/about-us/our-mission/our-impact (zuletzt aufgerufen am 27.12.2015)



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