Svenja Busson & Audrey Jarre

Edtech World Tour (8): Digitale Bildung – drei Erfolgsgeschichten aus Südafrika

Greenshots: Noch nie war Mathelernen so motivierend wie im Computerlab

“Ich habe noch nie in einer Mathestunde im Computerlab gefehlt, es ist der schönste Moment der Woche”, sagte uns Siwaphiwe Maranxa, eine Sechstklässlerin der Mzamomhle Primary School, als wir diese Schule in Südafrika besuchten. Die Schule befindet sich in den Townships von Mitchells Plain, ein von Banden, Drogen und Gewalt geprägtes Viertel außerhalb von Cape Town, wo sich kaum jemand hin traut. Doch Mark Swartz, ehemaliger Koordinator für digitale Bildung im Education Department der Provinz Western Cape, und Jo Besford, ehemalige Physiklehrerin in England, fühlen sich dort (fast) wie zu Hause. Die beiden haben zusammen in der digitalen Bildungsabteilung der Provinz Western Cape gearbeitet und das Mathematikprogramm “Greenshoots” ins Leben gerufen, weil sie den Zugang zu Bildung in Südafrika verbessern wollten. Sie besichtigen Schulen um sicherzustellen, dass das Programm gut läuft, und um Feedback der Lehrer und Schüler zu sammeln. Greenshoots ist eine schlichte und gut durchdachte Matheübungs-Software, die mit Moodle gebaut wurde: kein raffiniertes Design, keine coole Gamification, einfach Matheübungen, die dem Lehrplan folgen und Theorie in Praxis umwandeln. Aber was die Schüler besonders motiviert, sind die Computer selbst: so etwas hatten sie noch nie selbst gesehen; zu Hause, wo sogar Elektrizität fehlt, gibt es natürlich keine Computer. Technologie ist in diesem Fall ein richtiger Motivations- und Ermächtigungsfaktor: die Schule erlebte seit der Einführung von Greenshots 2011 eine erhebliche Verbesserung der Matheergebnisse: hatten 2011 nur 0.6% der Schüler am Jahresende das Standard-Niveau ihrer Stufe erreicht, stieg dieser Wert bis Ende 2015 auf 33.1%.

 

ETILAB: Lehrer müssen weiterlernen und mit digitaler Bildung umgehen können

Das ist das Motto von Dr. Dick N’Gambi, Professor an der School of Education der Universität von Kapstadt. Er ist auch der Denker und Schöpfer des ETILABs (the EduTech Inquiry Lab oder “Sandkasten”), eines Experimentierraums für südafrikanische Lehrer, in dem diese mit neuen Technologien und “digitalen tools” spielen können, um neue Lehrmethoden und konkrete Anwendungsmöglichkeiten zu erkunden. Für Dick ist das Potential des learning-by-playing riesig, auch und besonders für Lehrer, die oft keine Ahnung von Edtech haben, und nicht wissen, wie und wo sie anfangen sollen. “Ich bringe Lehrern bei, wie sie ihre eigenen Probleme durch das Web, mobile Apps und Software lösen können. Ich verwandle sie in edupreneurs, damit sie kreative Lösungen zu ihren eigenen Problemen finden”, sagte Dick. Um eine App zu kreieren, braucht man kein Programmierer zu sein. Mit neuen, kostenlosen Programmen wie App Inventor z.B. ist es ziemlich einfach, eine eigene App zu bauen. Das ETILAB wird bald als ein offizielles Lehrerfortbildungszentrum in der Provinz Western Cape anerkannt sein, damit Lehrer die Möglichkeit haben, ihre verpflichtende Fortbildung im ETILAB durchzuführen. Warum Dick sein Konzept “Sandkasten” genannt hat? Lehrer im ETILAB dürfen sich hier ausprobieren und spielerisch vorgehen. Es gibt keinen “Unterricht”, sondern lediglich Experimente: Lehrer lernen mit technischen Geräten umzugehen und damit zu lehren, gestalten neue Unterrichtsmodelle, testen und übernehmen nur, was sich für sie bewährt. Dieser Prozess stärkt ihr Selbstbewusstsein und bereitet sie darauf vor, diese neuen Methoden im Unterricht zu verwenden: eine effektive Lehrerfortbildung im 21. Jahrhundert.

 

Afrika braucht Programmierer: CodeX bildet die nächste Generation aus

Programmierer fehlen auf dem ganzen afrikanischen Kontinent: Wie kann die digitale Revolution in Afrika stattfinden, wenn nicht genug Programmierer ausgebildet werden? Das fragte sich Elizabeth Gould bevor sie CodeX gründete. CodeX bietet eine 3- bis 9-monatige Ausbildung zum Programmierer. “Hier in Afrika gibt es überall Smartphones, aber kaum Leute mit technischen Kompetenzen. Wir wollen Programmierer in agiler Softwareentwicklung ausbilden, damit afrikanische Unternehmen nicht mehr unter dem Mangel an Ingenieuren leiden müssen”, teilte uns Elizabeth mit. An der Ausbildung nehmen Erwachsene sehr unterschiedlicher Herkunft teil: sei es eine alleinstehende Mutter oder ein Mitglied einer Jugendbande – die Teilnehmer haben vielfältige Profile und CodeX bietet jedem eine Chance. Bewerber sollten lediglich auf Codeacademy einigen Kursen folgen und ihre konkrete Motivation in einem Gespräch überzeugend zum Ausdruck bringen. Geld ist kein Problem, die Organisation bietet dank ihrer Partner und Sponsoren bei Bedarf zinsfreie Darlehen an, um die 1.400€ Gebühren pro Semester zu decken.

 

“Wir bieten jedem, der es braucht, ein Darlehen an, das nur dann zurückbezahlt werden muss, wenn die Person einen Job gefunden hat. Es ist also in unserem gemeinsamen Interesse, dafür zu sorgen, dass jeder Erfolg hat.” Elizabeth Gould, CEO von CodeX

 

Bei Codex bestimmt jeder sein Arbeits- und Lerntempo selbst. Lehrer gibt es bei der praxisbezogenen Ausbildung nicht, Studenten lernen gegenseitig von den anderen und sind von “Coaches” umgeben (UX Designer und erfahrene Programmierer), die dann helfen, wenn man selbst nicht mehr weiter weiß.

 

Diese drei Initiativen ermöglichen die digitale Bildungsrevolution in Südafrika und stellen sicher, dass nicht nur Privilegierte davon profitieren, sondern alle Bevölkerungsschichten die die Chance dazu haben – besonders die, die Teilhabe heute am nötigsten haben.

 



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