Edtech World Tour (6): Neuseeland – Mehr Bildungsgerechtigkeit dank der Digitalisierung

Point England School: die Pioneerschule der Bewegung

Russell Burt ist seit 23 Jahren Schulleiter der Point England School, einer K-8 Schule in einem der ärmsten Viertel von Auckland. Zusammen mit seiner Frau Dorothy hat er es geschafft, die Leistungen der Schüler auf ein beispielloses Niveau zu heben. 25 % der ehemaligen Schüler gehen zur Universität. Vor einigen Jahren waren es nur 10 %.[1] Heute gehören 13 Schulen aus umgebenden, sozial benachteiligten Vierteln einem gemeinsamen Schulverbund an und wenden ähnliche pädagogische Ansätze an.

Die 650 Schüler der Point England Schule stammen zur Hälfte aus Pasifika Familien und zum Viertel aus Maori[2] Familien, wo Englisch zu Hause oft nur als Zweitsprache gesprochen wird. Beide Gruppen gehören zu Minderheiten in Neuseeland und sind oft sozial benachteiligt.

“Learn, Create, Share” : Eine Pädagogik, die die Schüler ins Zentrum ihres Lernens stellt

Mit “Learn” ist das an die vorherrschenden Bedingungen und Bedürfnisse angepasste Lernen gemeint, das dem Bedarf jeder einzelnen Gemeinschaft – Viertel oder Schule – entspricht. Natürlich ist eines der Hauptziele, einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung und damit mehr Chancengleichheit zu ermöglichen. Ziel ist hier, mehr Schüler zur Hochschulreife zu bringen.

Die “Create” Komponente wurde stark von Sir Ken Robinson’s Auffassung, Schule vernichte Kreativität[3], beeinflusst, und versteht sich als Möglichkeit für Schüler, ihr Lernen kreativ zu gestalten. Anstatt für eine standardisierte Prüfung auswändig zu lernen, entwerfen Schüler z. B. Videos, Videospiele, basteln oder malen etwas mit Bezug zum jeweiligen Unterrichtsstoff.

“Mit “Create” wollen wir unseren Schülern die Möglichkeit geben, kreative Menschen zu werden, indem wir ihnen die Freiheit lassen, ihr Lernen kreativ zu gestalten auf eine Weise, die nicht in traditionellen Schulen vorkommt. Dank des Angebots von Technologie, können sie Dinge erfinden und gestalten, die wir früher nie hätten machen können. Es ist für sie die Gelegenheit, das Verständnis ihres eigenen Lernens darzustellen.” erklärte Dorothy Burt in einem erläuternden Video.[4]

Die “Share” Komponente besteht darin, den Schülern die Gelegenheit zu geben, ihren Lernerfolg zu teilen, sei es mit ihren Freunden, mit ihren Familien oder mit der Welt – durch einen persönlichen Blog, den jeder Schüler ab der 2. Klasse erstellt. “Es ist den Schülern wichtig, ihre Lernergebnisse zu teilen, denn dadurch können sie es weiterverarbeiten. Unsere Schüler haben schon weltweit mehrere tausend Besucher und viele Interaktionen auf ihren Blogs, das hat einen riesigen Unterschied bei ihrer Einstellung zum Lernen und den Ergebnissen bewirkt”.[5]

Digitale Lernangebote und -umfelder, die die digitale Kluft verringern

Manaiakalani Schulen sind alle öffentlich, dennoch haben alle Schüler ihren eigenen Laptop. Hinter der Schulen agiert das Manaiakalani Trust, eine Art Kuratorium[6], das Geld von Stiftungen, Unternehmen und Privatpersonen sammelt, und dadurch den Eltern Kleinstkredite für die Laptops ihrer Kinder anbieten kann. Jedes Kind erhält ab der 5. Klasse einen von der Schule organisierten Laptop, den aber die Eltern drei Jahre lang wöchentlich in Höhe von 3,50 $ zurückbezahlen. Ist der Laptop abbezahlt, gehört er der Familie.

Viele Schüler haben zu Hause keinen Internetzugang. Deshalb wurden WLAN Antennen auf öffentlichen Beleuchtungseinrichtungen der drei einkommensschwachen Viertel installiert[7], damit Schüler zu Hause weiter lernen können. Diese Initiative wurde ebenso vom Schulkuratorium finanziert.

Ein Beispiel für die Integration von Technologie im Unterricht ist ein Video, das Schüler der 7. und 8. Klasse für ihren “Literacy” Unterricht entwickelt haben. “Wir haben einige wichtige Persönlichkeiten der Geschichte, wie Martin Luther King und Nelson Mandela, studiert, sowie ihren Einfluss auf die Welt. Wir waren alle damit einverstanden, dass alle Menschen gleich sind und niemand diskriminiert werden sollte, weil er oder sie anders ist. Das hat uns inspiriert, einen Rapsong zu verfassen und den Clip dazu zu filmen” berichtet ein Schüler der 7. Klasse der Point England School auf seinem Klassenblog[8]. Was dabei herauskam ist dieses hinreißende Video über Respekt und positives Benehmen.

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Die Edtech World Tour ist eine Forschungsreise zur Entdeckung innovativer digitaler Bildungspraktiken weltweit. Wir stellen uns besonders die Frage, welche Rolle digitale Bildung für mehr Chancengerechtigkeit und einen besseren Zugang zu Bildung haben kann. Dafür sind wir fünf Monate unterwegs und besuchen Schulen und Unis, treffen uns mit Unternehmern, Denkern und Innovatoren der digitalen Bildungswelt, um so viele Einblicke in “best practices” aus jedem Land zu bekommen. Wir sind in den USA, Chile, Neuseeland, Australien, Indien, Südkorea und Südafrika unterwegs.

Haben wir Ihr Interesse geweckt? Sie können der Edtech World Tour und unseren Entdeckungen folgen, indem Sie unseren Newsletter abonnieren!

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Quellen:

Foto: Manaiakalani Schools

[1] Jenny Oxley, Vorsitzende des Manaiakalani Education Trust, telefonische Mitteilung vom 10. Februar 2016

[2] ursprünchliche Stämme Neuseelands

[3] Siehe Sir Ken Robinsons sehenswertes TED Talk “Do Schools kill creativity?”: https://www.youtube.com/watch?v=iG9CE55wbtY (zuletzt aufgerufen am 6.02.2016)

[4] Siehe Dorothys Video zu der “Create” Komponente https://drive.google.com/file/d/0B89LH_VGQ-qLUHNoVHhralFHeUk/view (zuletzt aufgerufen am 6.02.2016)

[5] Siehe Dorothys Video zu der “Share” Komponente https://drive.google.com/file/d/0B89LH_VGQ-qLVWNZaGtvOFVUaXM/view (zuletzt aufgerufen am 6.02.2016)

[6] Siehe die Organisation des Manaiakalani Trust: http://www.manaiakalani.org/about-us/our-people (zuletzt aufgerufen am 6.02.2016)

[7] Die 13 Schulen gehören zu drei einkommensschwache Vierteln von Auckland, die sehr nah aneinander liegen (in einem Radius von 3 km). Bis jetzt können lediglich Schüler den WLAN auf ihrem persönlichen Gerät benutzen.

[8] http://pesroom15.blogspot.kr/2013/11/manners-our-manaiakalani-film-festival_12.html (zuletzt aufgerufen am 6.02.2016)



Kommentare

  1. / von Uwe Mergel

    Mein Gedanke hierzu, in der Welt sollte das Internet kostenlos für alle Menschen nutzbar sein, gerade auch für Kinder und Schüler. Das wäre ein Signal in die richtige Richtung. Auch in angeblich so reichen Ländern wie Deutschland gibt es immer mehr armutsgefährdete Familien, meistens auch mit Kindern. Da sollte man ansetzen, Geld wird ja genug verschwendet weltweit, Reiche und Vermögende werden immer reicher, darum sollte man das Internet und digitale Medien kostenlos oder nur zu einem symbolischen Beitrag für alle Menschen ermöglichen.

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