Wie „Daddeln“ zu mehr Chancengerechtigkeit verhelfen kann

Ach ja, das war ein schöner Moment, als ich das erste Mal in die Ergebnisse zu unserer Befragung „Monitor Digitale Bildung – Berufliche Ausbildung im digitalen Zeitalter“ sah. Jede Menge Zahlen, Daten, Fakten. So viele, dass wir sie gar nicht bis in jede Tiefe auswerten konnten. Das darf jetzt aber gerne die wissenschaftliche Community weiter tun, wir haben alle Daten über das Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften (GESIS) zur Verfügung gestellt. Also: feel free!

 

Aber was es mir wirklich angetan hat waren die Daten zu einer ganz bestimmten Frage, mein Lieblingsergebnis sozusagen. Wir haben hier in der Bertelsmann Stiftung viel über das Thema soziale Teilhabe diskutiert. Wir vertreten ja die Annahme, dass digitales Lernen helfen kann, mehr gesellschaftliche und soziale Teilhabe zu ermöglichen. Wenn beispielsweise jemand mit Hilfe digitaler Lernmittel einen Schulabschluss erreichen kann, den er ohne die digitale Unterstützung nicht geschafft hätte (nein, ich meine jetzt nicht schummeln, sondern schon didaktisch sinnvoll aufbereitetes Material!), dann ist das ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu mehr Teilhabe und Chancengerechtigkeit.

 

Weit verbreitet ist immer noch die Ansicht, dass das gar nicht zusammen geht, digital und Lernen. Das eine macht Spaß und ist auf den ersten Blick sinnfrei, das andere ist harte Arbeit. Tja, ist wohl nicht so! Wir haben Auszubildende aus allen Branchen, unterschiedlich alt und – sehr wichtig – mit unterschiedlichem Schulabschluss befragt, was sie beim Lernen motiviert. Und siehe da: gerade jüngere, männliche Auszubildende mit Hauptschulabschluss geben an, dass es sie sehr motiviert, wenn sie digital lernen können (34%). Darin unterscheiden sie sich deutlich von Auszubildenden mit Abitur, die exakt halb so oft angaben, dass sie sich durch digitale Lernmedien motiviert fühlen (17%).

 

Motivation_Azubis_Blogbeitrag

 

Noch spannender wird es, wenn man nachschaut, was die erstgenannte Gruppe der Auszubildenden besonders schätzt: selbstständiges Recherchieren im Internet, eigene Videos, Blogs oder Webseiten erstellen und den Umgang mit Lernspielen und Lern-Apps. Gerade Azubis mit Hauptschulabschluss lassen sich also nicht nur durch digitale Mittel zum Lernen motivieren, sondern sie bevorzugen auch noch die Wege, die ihnen eine eigenständige Beschäftigung und Herangehensweise an Inhalte ermöglichen und einen spielerischen Umgang damit. Also sind Computerspiele wohl doch nicht per se blödes „Daddeln“, wie es so oft heißt, und ich fühle mich ans 1. Semester Pädagogikstudium erinnert: Spielpädagogik, Kinder lernen spielerisch. Erwachsene offenbar auch.

 

Ach ja, es ist wirklich mein Lieblingsergebnis, weil es mit so vielen Annahmen und Vorurteilen zum Thema digitales Lernen bricht und auch zu der besagten Gruppe der Azubis, die oft als unmotiviert und schwer zu begeistern gelten, als schwierig, schnell abgehängt. Womöglich sind ja gar nicht die Azubis per se schwierig. Oder unmotiviert. Womöglich brauchen sie einfach nur eine andere Ansprache. Mir macht das jedenfalls Hoffnung, dass ich den Wandel hin zu einer Lehr-Lernkultur, in der Menschen ihre Stärken entfalten und sich entwickeln dürfen, noch erleben werde 🙂

 



Autor

Dr. Julia Behrens Project Manager Digitalisierung der Bildung Telefon: +49 5241 / 8 18 15 44 Profil

Kommentare

  1. / von Arne Oberländer

    Ich möchte den Spaß bestimmt verderben, aber ich sehe in allen Zahlen nur eine Minderheit (<32%).
    wenn Sie aus der Gesamtheit der Daten etwas Anderes ersehen, sollten Sie es hier schreiben.
    In der jetzigen Form kommen Sie an Kritikern immer noch nicht vorbei …

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