Besuch bei der niederländischen „Synergieschool“ in Roermond

Im niederländischen Roermond, kurz hinter der deutschen Grenze, gibt es die Synergieschool. Diese Schule hat das übliche Schulkonzept hinterfragt und alles auf den Kopf gestellt – mit einem wunderbaren Ergebnis! Hier ist eine inklusive Schule entstanden, die digitale Medien nutzt, um die individuelle Förderung aller Kinder zu ermöglichen.

Vor kurzem war ich zu Besuch in den Niederlanden und habe mir die Synergieschool in Roermond angesehen. Das beschauliche Örtchen kennen die meisten Deutschen vermutlich eher als Einkaufsstadt. Tatsächlich sind hier aber neben der Synergieschool gleich mehrere Reformschulen ansässig. Und die stellen den Schulalltag hier auf den Kopf – im besten Sinne.

Die Schule ist in einem großen alten Backsteinbau untergebracht. Auf den ersten Blick wirkt alles recht „normal“: Der Schulhof ist gepflastert, es gibt ein paar Spielgeräte und einen Fahrradständer. Aber dann öffnet mir die Direktorin die Tür und schon stehe ich in einem Flur mit Garderobenhängern und unzähligen Schuhen. Straßenschuhe werden hier am Eingang ausgezogen. Die Kinder bringen alle Hausschuhe mit, denn die Klassenzimmer funktionieren etwas anders, als wir das hier kennen.

Genaugenommen gibt es keine Klassenzimmer, sondern Zonen. Das Gebäude ist in vier Flügel aufgeteilt, in denen die Jüngsten (unsere Erstklässler) bis zu den Ältesten (entspricht unseren Fünftklässlern) unterrichtet werden. Dabei werden immer zwei Jahrgänge zusammengefasst: Erster und zweiter Jahrgang lernen z.B. gemeinsam. Am Ende des zweiten Jahres wird geschaut, welche Schüler in die höhere Stufe wechseln können und welche noch eine Weile in der tieferen Stufe bleiben. In der nächsthöheren Stufe lernen dann zweiter und dritter Jahrgang gemeinsam usw.

Auf den Flächen gibt es gleichermaßen Gruppentische mit Stühlen, wie auch Lese- und Spielecken. Alles ist bunt und fröhlich. Auf jeder Fläche gibt es neben umfassendem Material wie Büchern und Bastelkisten auch ein Whiteboard und ein Smart-TV. Jedes Kind bekommt von der Schule ein eigenes Tablet, auf dem es seinen Stundenplan hat. Die Technik wird im Unterricht eingesetzt, dient aber vor allem auch dazu, jedem Kind einen ganz individuellen Stundenplan zusammenzustellen.

So haben einige Kinder auf den Flächen Gruppenunterricht mit einem Lehrer, andere sitzen in der Leseecke, wieder andere arbeiten still an ihren Tablets in entsprechenden Stillarbeitszonen. Mir kommt ein Mädchen entgegen, das mit Hilfe eines Google Glass ein Video von der Schule dreht und ganz selbstverständlich mit der Technik umgeht.

Das alles ist schon sehr beeindruckend. Aber das wirklich Schöne dabei: jedes Kind weiß, was es zu tun hat und arbeitet ganz selbständig an seinen Aufgaben. Kein Chaos, nur fröhliche Kinder, die selbst motiviert sind, ihre Aufgaben zu erledigen. Weil die Lehrer ihnen vertrauen.

Die Schuldirektorin führt mich gemeinsam mit drei Mädchen durch die Schule, die als besonders begabt gelten und deshalb die Übersetzer für die deutschen Besucher sein dürfen. Alle drei sprechen bereits im Alter von 11 Jahren exzellentes Englisch und sind sichtlich stolz, dass sie diese Aufgabe übernehmen dürfen – zumal die Direktorin zugibt, dass ihr eigenes Englisch nicht so gut ist.

Das prägt den Alltag in dieser Schule: Ein gemeinsames Miteinander, ein vertrauens- und respektvoller Umgang und der Glaube daran, dass jeder Mensch seine ganz eigene Mischung aus Schwächen und Stärken hat. Hier gibt es keinen Universalmaßstab, der für alle gilt. Und gerade deshalb sind die Schüler so motiviert beim Unterricht.

Entsprechend des selbst gewählten Grundsatzes „Jedes Kind ist speziell“ ist die Synergieschool eine inklusive Schule. Gemeinsam mit den Eltern arbeiten die Lehrer für jedes Kind einen ganz persönlichen Lernplan aus, der sich am Lernstoff, am Lernstand, an den Interessen des Kindes und an seinen Möglichkeiten orientiert.

Und es funktioniert. Beim Gang durch die Schule fällt mir kein einziges Kind besonders ins Auge, mit Ausnahme eines Jungen im Rollstuhl. Erst als ich genau hinsehe erkenne ich ein Kind, das eine Sehschwäche hat. Außerdem gibt es Kinder mit Lernbeeinträchtigungen, Kinder mit Autismus usw. Aber keines fällt hier besonders auf. Sie laufen ganz selbstverständlich im Betrieb mit. Das geht, weil hier so personalisiert gearbeitet wird. Bauliche Probleme? Gibt es auch nicht, denn neben einem Aufzug führt eine fantastische Rutsche aus dem ersten Stock ins Erdgeschoss. Das ist garantiert für jedes Kind ein riesen Spaß.

Und so stehe ich fast drei Stunden später voller neuer positiver Eindrücke wieder im Eingangsbereich der Schule und suche meine Schuhe zusammen. Fazit: Eine sehr beeindruckende Schule, die neben dem hohen Engagement der Lehrer ein sehr gutes Schulkonzept vorzuweisen hat.

Es tut sich viel in den Niederlanden, was neue Schulkonzepte betrifft. Meiner Einschätzung nach werden Konzepte wie das der Synergieschool oder auch der Steve Jobs School sich mittelfristig noch deutlich mehr verbreiten. Weil sie tragen. Und weil sie Technik intelligent nutzen, um modernen, individuell fördernden Unterricht zu ermöglichen. Da können wir uns in Deutschland noch eine große Scheibe von den Nachbarn abschneiden!



Autor

Dr. Julia Behrens Project Manager Digitalisierung der Bildung Telefon: +49 5241 / 8 18 15 44 Profil

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