“Bologna Digital”: Digitalisierung als Lösung statt Problem für die Hochschulbildung im 21. Jahrhundert

Der digitale Wandel ist ein wirksames Mittel, um zentrale Herausforderungen für die Hochschulbildung im 21. Jahrhundert zu bewältigen. Ein Expertenteam hat hierzu unter Koordination der Initiative Kiron Open Higher Education das Positionspapier “Bologna Digital” als Impuls für die nächste Bologna-Ministerkonferenz am 24. Mai 2018 in Paris verfasst. Anhand konkreter Vorschläge wird diskutiert, wie die Digitalisierung bis 2020 als Querschnittsthema in allen Dimensionen der weiteren Implementierung des Bologna-Prozesses verankert werden kann – als Teil der Lösung für bestehende Herausforderungen. Das Positionspapier entstand im Rahmen des von der Bertelsmann Stiftung geförderten Projekts „From Camp to Digital Campus“.

Im Mai 2018 treffen sich die Bildungs- und Wissenschaftsminister/-innen aus 48 Mitgliedsstaaten des Europäischen Hochschulraums, um Prioritäten des Bologna-Prozesses und das Arbeitsprogramm für die kommenden Jahre zu diskutieren. Zwanzig Jahre nach der Sorbonne-Erklärung bleiben dabei die Öffnung von Hochschulbildung, die Verbesserung der Qualität der Lehre, die Anerkennung von Qualifikationen und die Förderung der Internationalisierung und Mobilität von Studierenden und Mitarbeitenden die größten Herausforderungen. Das Autorenteam und die Unterstützer von “Bologna Digital” argumentieren, dass die Digitalisierung wesentlich dazu beitragen kann, diese Herausforderungen zu bewältigen. Sie sollte nicht länger als zusätzliches Problem verstanden werden, sondern als wirksamer Teil der Lösung für eine chancengerechte und leistungsstarke Hochschulbildung im 21. Jahrhundert.

Einige Hochschulen und Bildungspolitiker haben in den vergangenen Jahren schon als Einzel-Akteure oder auch Verbünde aktiv dazu beigetragen, dass digitale Lösungen an vielen Lernorten bereits jetzt eine wichtige Rolle spielen. Das volle Potenzial der Digitalisierung konnte sich auf systemischer Ebene jedoch noch nicht entfalten und der mögliche Beitrag zur Lösung der genannten Herausforderungen bleibt oft noch wenig sichtbar.

Das Autorenteam zeigt deshalb für die Handlungsfelder Öffnung von Hochschulbildung, Anerkennung und Anrechnung, Zulassung, Lehren und Lernen, Abschlüsse und Qualifikationen sowie Internationalisierung und Mobilität nicht nur zentrale Herausforderungen auf, sondern formuliert auch konkrete Empfehlungen, wie digitale Möglichkeiten genutzt werden können, um diesen Herausforderungen nachhaltig zu begegnen.

  • Zur Öffnung der Hochschulbildung für nicht-traditionelle Studierende werden frei verfügbare Online-Kurse empfohlen, um Bildungsangebote der Hochschulen bereits vor Studienbeginn erfahrbar zu machen. Solche Ansätze haben, etwa in Verbindung mit einer nationalen Hochschulplattform, auch das Potential, Hochschulbildung im Allgemeinen gesellschaftlich stärker sichtbar zu machen.
  • Die Autoren des Positionspapiers messen insbesondere der Anrechnung und Anerkennung nicht-formaler, digitaler Leistungen eine große Bedeutung bei. Dieser Aspekt berührt insbesondere die Realität von neuen und flexibleren Bildungsbiographien, die aus nicht-formalen Lernprozessen auch in die Hochschule hineinführen können.
  • Beim Zulassungswesen gilt es, das in Deutschland nach wie vor vorwiegend papierbasierte Bewerbungsverfahren vollkommen zu digitalisieren. Hierbei wird insbesondere auch die “Groningen Declaration” aufgegriffen und nachdrücklich unterstützt.
  • Im Bereich von Studium und Lehre ist eine noch stärkere institutionelle Förderung und Akzeptanz von offenen Bildungsressourcen (OER) nötig. Ein zentraler Erfolgsfaktor wird hierfür eine noch stärkere Zusammenarbeit von Hochschulen in der Breite sein, um voneinander zu lernen, aber auch gemeinsam eine hohe Qualität digitaler Bildungsmaterialien sicherzustellen.
  • Auch bei der Dokumentation von Qualifikationen können Hochschulen digitale Möglichkeiten deutlich intensiver nutzen. Insbesondere die Nutzung von Badges sollte an Hochschulen noch stärker implementiert werden, um Kompetenzen und Vorerfahrungen zuverlässiger, transparenter und mobiler dokumentieren zu können.
  • Im Bereich der Internationalisierung und Mobilität könnten digitale Vorbereitungs- und Einführungskurse künftig eine zentrale Rolle in der Studienorientierung für ausländische Studierende darstellen, noch bevor sie an eine deutsche Hochschule kommen. Für weniger mobile Studierende und Hochschulmitarbeitende sollten auch darüber hinaus noch stärker Möglichkeiten des virtuellen Austausches genutzt werden.
  • Abschließend geht das Positionspapier auf die große Bedeutung der Qualitätssicherung digitaler Lehre ein. Diese ist querliegend zu allen Handlungsfeldern notwendig, um nicht nur die Akzeptanz und das Vertrauen in digitale Angebote zu stärken, sondern auch tatsächlich wirksame Lernprozesse zu ermöglichen.

Zusammenfassend fordert das Positionspapier, dass alle Aktionslinien des im Rahmen des Ministertreffens zu verabschiedenden Pariser Kommuniqué Möglichkeiten der Digitalisierung für ihre jeweiligen Bereiche aufzeigen sollten. Auch die etwa durch den französischen Präsidenten Macron vorgeschlagene/n “Europäische/n Hochschulen” sollten vorbildhafte Beispiele für die Digitalisierung von Bildung, Forschung und Innovationen setzen.

Das Autorenteam und die verschiedenen Unterstützer hoffen, mit diesem Papier einen größeren, lösungsorientierten Diskurs anzustoßen und einen Beitrag sowohl zu neuen Praxis-Initiativen als auch zu einer noch stärkeren Förderung der hierfür notwendigen Grundlagenforschung anzustoßen. Sie können das Autorenteam gerne direkt kontaktieren oder am Austausch über Twitter unter den Hashtags #BolognaDigital teilnehmen.


Über das Positionspapier “Bologna Digital”

Das Positionspapier wurde in Koordination durch Kiron Open Higher Education vom Autor/-innenteam Dominic Orr, Peter van der Hijden, Florian Rampelt, Ronny Röwert und Renata Suter mit Unterstützung der Bertelsmann Stiftung erarbeitet und in verschiedenen Entwurfs-Versionen ab Dezember 2017 mit verschiedenen Akteuren im Hochschulsektor diskutiert. Die Publikation mit zentralen Forderungen zur stärkeren Berücksichtigung und Förderung der digitalen Dimension im Bologna-Prozess dient als Impuls für die Bologna-Ministerkonferenz am 24. Mai 2018 in Paris und wird bereits unterstützt durch das Hochschulforum Digitalisierung, die European Association of Distance Teaching Universities (EADTU), das Groningen Declaration Network (GDN) und das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS).



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