Lernkultur: Ist „Digitalisierung“ reine Kosmetik oder tief in den Bildungsinstitutionen verwurzelt?

Viele Bildungsinstitutionen haben in den letzten Jahren digital aufgerüstet: Schulen haben interaktive Whiteboards beschafft, vielleicht auch eine Tabletklasse eingerichtet, Weiterbildungsinstitutionen haben einige Kurse auf Webinare oder Blended Learning umgestellt. Aber sind dies nur einzelne „kosmetische“ Maßnahmen, um ein gewisses Maß an Fortschrittlichkeit zu zeigen, oder ist an diesen Einrichtungen auch eine neue Lernkultur entstanden, in der digitale Lernformen eine zentrale Rolle spielen? Gibt es einen „Digitalisierungs-Masterplan“ oder eine entsprechende Strategie? Und wird dort eine solche Kultur auch wirklich gelebt?

Das mmb Institut hat für den Monitor Digitale Bildung zu diesem Thema Lehrkräfte und Leitungspersonal in den Sektoren Schule, Ausbildung, Hochschule und Weiterbildung befragt. Die Verantwortlichen äußerten sich zu grundsätzlichen Planungen und Maßnahmen zur Digitalisierung, die Lehrenden zu Themen, an denen man eine gelebte Digitalkultur erkennen kann.

Verantwortliche in Berufsschulen und Weiterbildungseinrichtungen planen Digitalisierung strategisch

Die Leitungskräfte wurden danach gefragt, welchen Stellenwert der Einsatz digitaler Lernformen an der strategischen Ausrichtung ihrer Bildungsinstitution hat. Nimmt man von der sechsstufigen Bewertungsskala die beiden höchsten Stufen zusammen, so sind es die Berufsschulen, die hier den größten Institutionalisierungsgrad von digitalen Lernmedien haben: 62 Prozent aller Verantwortlichen in Berufsschulen bestätigen die entsprechende Berücksichtigung in ihren strategischen Konzepten. Damit stellen viele Berufsschulen auch die Weichen für eine gute Berufsvorbereitung in einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt.

Ganz anders sieht es an den Allgemeinbildenden Schulen aus: Dort sehen nur 38 Prozent der Schulleitungen einen hohen Stellenwert digitaler Lernmedien für ihre Schulstrategie. Damit liegen die Schulen klar auf dem letzten Platz der vier Bildungssektoren (Abb. 1).

Bildungsverantwortliche: Stellenwert digitaler Lernmedien im Rahmen der strategischen Ausrichtung

 

Abbildung 1  Frage: Welchen Stellenwert hat der Einsatz digitaler Lernformen im Rahmen der strategischen Ausrichtung an Ihrer Bildungseinrichtung? | Ausbildung: n=108; Hochschule: n=80; Schule: n=239; Weiterbildung: n=218 | Angaben in % | © mmb Institut GmbH 2017

Bei den Weiterbildungsanbietern spielen digitale Lernmedien immerhin in mehr als der Hälfte der Fälle für die strategischen Überlegungen eine Rolle. Dies bedeutet, dass viele Lerninnovationen in Volkshochschulen und anderen Akademien die Rückendeckung der Leitungskräfte haben. Die fällt sogar stärker aus als in den Hochschulen, wo nur 47 Prozent aller Hochschulleitungen digitalen Lernformen einen hohen Stellenwert für die Strategiebildung beimessen.

Die digitale Kommunikationskultur bleibt in vielen Bildungsinstitutionen außen vor

Digitales Lernen bedeutet auch, eine neue „Digital-Kultur“ zu verinnerlichen, um die Vorteile der Digitalisierung zu nutzen. Zwei zentrale Aspekte sind dabei die Art, wie man digital miteinander kommuniziert sowie die „Kultur des Teilens“, etwa von Erfahrungen oder Lernmaterialien. Anhand dieser Beispiele zeigt der Monitor Digitale Bildung, inwieweit die Digital-Kultur in den vier Bildungssektoren bereits Fuß gefasst hat.

Was die Kommunikationskultur betrifft, so sind Soziale Netzwerke in allen vier Sektoren noch nicht angekommen – zumindest nicht im Unterricht. Dort sind es zwischen zwei Prozent (Lehrende in Schulen) und fünf Prozent (Lehrende in Hochschulen und in der Weiterbildung), die diese Tools als Lernformen in ihren Lehrveranstaltungen einsetzen (Abb. 2).

Lehrende: Einsatz von Sozialen Netzwerken im Unterricht und zur Vorbereitung

Abbildung 2: Frage: Welche der folgenden Technologien und Anwendungen nutzen Sie? Mehrfachnennungen sind möglich.  Ausbildung: n=315; Hochschule: n=655; Schule: n=542; Weiterbildung: n=260  | Angaben in % | © mmb Institut GmbH 2017

Damit bleiben einige Potenziale für kreative und kollaborative Anwendungen sozialer Netzwerke im Unterricht ungenutzt (z.B. Brainstorming, Voting). Etwas größer ist die Präferenz der Lehrenden für Social Media bei der Unterrichtsvorbereitung. Hier haben die Lehrkräfte in der Weiterbildung die Nase vorn (17%), die sicherlich auch rechtlich mehr Freiräume haben, Soziale Medien einzusetzen.

Kultur des Teilens ist vorhanden – aber überwiegend analog

Die „Kultur des Teilens“ ist eine wichtige Säule der digitalen Zusammenarbeit. Dadurch dass digital aufbereitete Informationen immateriell sind und sich sehr aufwandsarm beliebig oft reproduzieren lassen, hat sich auch die Option der kostenlosen Weitergabe von Materialien etabliert – Stichwort „Open Educational Resources“ (OER). Und diese Kultur des Teilens wird nach Angabe der befragten Lehrkräfte auch in den vier Bildungssektoren Schule, Ausbildung, Hochschule und Weiterbildung gepflegt – allerdings offenbar vorwiegend in Form analoger Kopien.

Lehrende: Teilen von selbsterstellten Unterrichtsmaterialien

Abbildung 3: Frage: Stellen Sie selbst Ihre Unterrichtsmaterialien anderen Lehrpersonen zur Verfügung? | Ausbildung: n=108; Hochschule: n=80; Schule: n=239; Weiterbildung: n=218  Angaben für „ja“ in % | © mmb Institut GmbH 2017

Rund vier von fünf Lehrenden geben ihre Unterrichtsmaterialien weiter. Um einiges geringer ist die Bereitschaft dazu an den Hochschulen (65%) (Abb. 3). Allerdings beschränkt sich in allen vier Sektoren die Weitergabe auf einen kleinen kontrollierten Kreis von Adressaten, meist Kolleginnen und Kollegen. Nur zwischen einem und drei Prozent der Lehrenden stellen ihre Materialien öffentlich zur Verfügung. Von einer allgemeinen digitalen Tauschkultur („Give info, get info“) sind alle vier Bildungssektoren noch weit entfernt.

Während sich die Lehrenden mit der Veröffentlichung eigener Beiträge zurückhalten, machen Sie umgekehrt von den öffentlich zugänglichen Lernressourcen häufig Gebrauch. „Open Educational Ressources“ (OER) sind damit durchaus positiv besetzt (Abb. 4).

Lehrende: Bewertung von öffentlich zugänglichen Unterrichtsmaterialien (OER)

Abbildung 4: Frage: Wie bewerten Sie die folgenden Statements aufgrund Ihrer eigenen Erfahrung? | Ausbildung:  n=162-220; Hochschule:  n=336-495; Schule: n=524-536; Weiterbildung:  n=203-206  | Angaben in % | © mmb Institut GmbH 2017

Vor allem bei Lehrenden in Schulen und in der Weiterbildung finden öffentlich zugängliche Lernressourcen großen Zuspruch als Bereicherung und Entlastung. Etwas geringer fällt die positive Einstellung in der Ausbildung und in den Hochschulen aus. Dies mag daran liegen, dass gerade Lehrende in diesen Bildungssektoren über sehr geringe zeitliche Ressourcen verfügen, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen, und auch Probleme haben, zum Fach passende OER-Angebote zu finden oder deren Qualität zu beurteilen.

Fazit: In den vier Bildungssektoren ist die strategische Planung digitaler Lernmedien durchaus etabliert und damit Chefsache. Dies gilt vor allem für die Berufsschulen und die Weiterbildung. Allerdings wird die neue  Digital-Kultur von den Lehrenden bislang nur in sehr geringem Umfang „gelebt“. So sind beispielsweise der Einsatz von Social Media und das öffentliche Teilen von Lernressourcen nach wie vor die Ausnahme.

Die Ergebnisse aller Bildungssektoren im Vergleich finden Sie auf unserer Homepage.

Der Beitrag ist zuerst auf www.didacta-digital.de erschienen.



Kommentare

  1. / von Olaf Kleinschmidt

    Es werden nach wie vor nur alte Fragen an die neue Technik gestellt! Substantiell änder sich überhaupt nichts, weil auch die Politik hier orientierungslos herumirrt! Es gibt kein allgemeines Ziel wie z. B. Individualisierung bei der Anschaffung!

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