Strategien entwickeln – Kompetenzen aufbauen – Innovationen fördern

Eine Zwischenbilanz nach fünf Jahren „Hochschulforum Digitalisierung“ und zwei Jahren „Forum Bildung Digitalisierung“

Das Forum Bildung Digitalisierung (FBD) ist erst zwei Jahre alt, das Hochschulforum Digitalisierung (HFD) mit 5 Jahren bereits etwas älter. Beide Initiativen verfolgen im Kern dieselbe Mission, nämlich die digitale Transformation der Schulen (FBD) bzw. der Hochschulen (HFD) zu fördern und zu unterstützen. Welche Erfahrungen prägen die zurückliegende Arbeit, welche Aufgaben und Herausforderungen werden für die Zukunft erwartet?
Dr. Ulrich Schmid
 sprach für digitalisierung-bildung.de mit den Leitern der beiden gemeinnützigen Initiativen: Dr. Nils Weichert (Forum Bildung Digitalisierung) und Oliver Janoschka (Hochschulforum Digitalisierung).

Dr. Nils Weichert ist geschäftsführender Vorstand des Forum Bildung Digitalisierung. Das besondere Interesse des promovierten Politikwissenschaftlers gilt den Chancen digitaler Medien für die Schul- und Unterrichtsentwicklung. Zuvor war Nils Weichert als Leiter Open Educational Resources bei der Berliner Senatsverwaltung für Bildung tätig und verantwortete das Ressort Bildung, Wissenschaft und Kultur von Wikimedia Deutschland sowie die Kompetenzförderung der Stiftung Europäische Jugendbildung Weimar.

Oliver Janoschka ist Geschäftsstellenleiter des Hochschulforum Digitalisierung, das er seit seiner Gründung 2014 mit aufgebaut und weiterentwickelt hat. Zuvor war er nach seinem Studium der Erziehungswissenschaften, Soziologie und Psychologie an der Universität Hamburg von 2005-2012 für die Robert Bosch Stiftung als Bildungsmanager und für ein internationales Hochschulnetzwerk als Projektdirektor im europäischen Ausland tätig. Seit 2013 leitet er beim Stifterverband den Programmbereich für Digitalisierung in Berlin.

Ihre Initiativen sind zwar unterschiedlich alt bzw. jung, aber ihre Zielsetzungen sind vergleichbar und hinter ihnen liegen nun die ersten Jahre der „Transformationsarbeit“ mit Schulen und Hochschulen. Wo steht schulische bzw. die akademische Bildung in Sachen Digitalisierung hierzulande heute? Ist das Glas halb voll oder halb leer? Und wo sehen Sie jeweils die drängendste Herausforderung in Ihrem Bereich?

Oliver Janoschka: Wir sind überzeugt, dass sich unser gesamtes Bildungssystem grundlegender mit der digitalen Transformation beschäftigen und viel mutiger in der Umsetzung werden muss. Anders als 2014 – zu Beginn unseres Projektes – können wir aber heute festhalten, dass für den Hochschulbereich eine deutlich höhere Bereitschaft besteht, sich mit den strategischen Chancen der Digitalisierung auseinanderzusetzen. Das große Interesse der Hochschulleitungen an unser Peer2Peer-Strategieberatung, für die sich in drei Durchgängen über 100 Hochschulen beworben haben, drückt das exemplarisch aus – und wir sehen in jedem Jahr, wie sich die Institutionen hier weiterentwickeln. Gleichzeitig hat die EFI-Studie von 2019 ganz deutlich aufgezeigt, dass die Umsetzungsgeschwindigkeit von Digitalisierungsprozessen in den Hochschulen und die Weiterentwicklung von Verwaltung und Lehre noch viel Luft nach oben lässt. Klar ist: Die digitale Transformation ist ein laufender Prozess und kein Projekt, mit dem man irgendwann fertig ist. Und wir sehen: Wenn die Institution in einen moderierten, beteiligungsorientierten und zielgerichteten Entwicklungsprozess einsteigt, kann richtig viel in Gang kommen. Die dahinterstehenden Akteure und guten Ansätze müssen wir noch viel stärker sichtbar machen, damit der Wasserpegel im Glas dauerhaft steigt!

Dr. Nils Weichert: Im Blick auf die Schule zeigt die ICIL-Studie 2018: Nur ein Viertel aller Schülerinnen und Schüler in Deutschland besucht eine Schule mit WLAN-Zugang und bei der Computerausstattung schafft Deutschland gerade ein Endgerät für zehn Schüler. Was aber schwerer wiegt ist, dass ein Drittel der Jugendlichen nicht viel mehr als einen Link anklicken oder einen Suchbegriff eingeben kann. Und dass soziale Herkunft auch bei der Medienkompetenz die entscheidende Rolle spielt. Mit dem Digitalpakt erhalten Schulen jetzt die Möglichkeit, WLAN, Laptops und Lernprogramme anzuschaffen. Dieser Anstoß war dringend notwendig, ist aber nur der Anfang. Wir brauchen eine große politische und letztlich gesamtgesellschaftliche Anstrengung, um Schule nicht völlig von der Lebenswelt der Menschen abzukoppeln. Es reicht nicht aus, Bildungseinrichtungen beim Aufbau digitaler Infrastrukturen und der Ausstattung mit Geräten zu unterstützen. Stattdessen ist es unabdingbar, Bildungsprozesse ganzheitlich neu zu betrachten; ausgehend von der Frage, welche Kompetenzen Kinder und Jugendliche in der digitalen Welt tatsächlich benötigen. Die Schulen unseres Schulnetzwerks haben die wichtigsten Punkte in Handlungsempfehlungen zusammengefasst.


Die Digitalisierung der Schulen wird öffentlich sehr viel stärker – und auch kontroverser – diskutiert als die der Hochschulen. Während kaum jemand den Nutzen digitaler Lerntechnologien im Studium in Zweifel ziehen würde, scheint es im Schulbereich nach wie vor erhebliche Zweifel und Vorbehalte gegenüber digitalen Lerntools, Schulclouds oder Learning Analytics zu geben. Wenn dieser Eindruck so stimmt: Was bedeutet das für Ihre Arbeit? Muss man in Schulen ganz woanders ansetzen als in Hochschulen?

Dr. Nils Weichert: Länder wie Singapur haben bereits vor 20 Jahren mit der Entwicklung des digitalen Lernens begonnen. Dort stehen Themen wie Cyber Wellbeing, Kollaboration oder Computational Thinking ganz oben auf der schulischen Agenda. Auch Dänemark gilt als mutiger und experimentierfreudiger Vorreiter digitaler Unterrichtsentwicklung. Neue Technologien werden direkt ausprobiert und auf ihre Praxistauglichkeit hin bewertet. Um anschlussfähig zu werden und Bildungsgerechtigkeit in der digitalen Welt zu erreichen, müssen unsere Schulen selbstständiger, offener und vernetzter werden und vor allem neue Kompetenzen fördern. Wir benötigen massive Investitionen in die Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte und neue, bedarfsgerechte Qualifizierungsangebote, die alle erreichen. Und dann braucht es auch eine gemeinsame Vision und konkrete Zielsetzungen für die Schule der Zukunft. Das ist der Weg, den wir gemeinsam gestalten sollten. Gute Impulse für die richtigen Schritte finden sich in unserer Expertise zu Reformstrategien weltweit.

Oliver Janoschka: Hochschulen haben ja eine viel größere Autonomie, bessere Rahmenbedingungen und natürlich ohnehin eine andere Zielgruppe als Schulen. Trotzdem ist es alles andere als ein Selbstläufer, dass innovative Lehr-Lernszenarien oder hochschulübergreifende Services umfassend genutzt werden. Wir haben schon 2016 im Rahmen einer HFD-Studie aufzeigen können, dass es nicht die „Digital Natives“ per se gibt, sondern es stark auf die Medienkompetenz der Lehrenden ankommt, um die Studierenden an neue Tools heranzuführen. Und um die Lehrenden fit zu machen, braucht es wiederum auch gute Supportstrukturen. Im HFD haben wir letztes Jahr mit HFDcert eine Website gelaunched, wo Lehrende und Hochschulvertreter:innen ihre digitalen Aktivitäten und Kompetenzen im Lehr-Lernkontext ausweisen und sich dazu austauschen können. Auf struktureller Ebene braucht es für ein zukunftsfähiges Bildungssystem sicher noch sehr viel stärker interoperable und offene Infrastrukturen, die die Institutionen länderübergreifend nutzen können. Aktuelles Beispiel: Unser durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördertes Projekt KI-Campus wird in den nächsten drei Jahren eine Lernplattform rund um Künstliche-Intelligenz-Themen aufsetzen. Hochschulen, Forschungseinrichtungen, aber auch Unternehmen können sich bei der Entwicklung von Lernangeboten beteiligen und von der Nutzung dieser neuen Inhalte für ihre Zielgruppen und Mitarbeitenden profitieren.


Lassen Sie uns etwas genereller über Trends und Entwicklungen sprechen: Als einer der bildungstechnologischen Megatrends gilt das adaptive, personalisierte Lernen durch KI-basierte Anwendungen. Es gibt auch bereits größere internationale EdTech-Unternehmen, die Learning Analytics im großen Stil einsetzen und dadurch sowohl im pädagogischen als auch im organisatorischen Bereich gute Ergebnisse verzeichnen. Kommen solche Anwendungen auch hierzulande zum Einsatz? Und welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten technologischen Entwicklungen, mit denen sich Schulen und Hochschulen befassen sollten? 

Oliver Janoschka: Flächendeckend ist der Einsatz von technologiebasierten Lösungen zur Unterstützung von Lehrenden und Lernenden an deutschen Hochschulen aktuell nicht in Sicht, aber die Bereitschaft zur Auseinandersetzung steigt. Vergangenen Herbst war ich zum Beispiel sehr beeindruckt, mit welcher Offenheit sich deutsche Hochschulleitungen im Rahmen einer Delegationsreise in die USA mit den Potentialen einer engeren Kooperation mit EdTech-Start-ups beschäftigt haben.

Wir glauben, dass es hier noch sehr viel Gestaltungsbedarf gibt, und haben unsererseits den ersten EdTech-Entwicklungszirkel organisiert, Studierende zu Hackathons eingeladen und wir arbeiten gerade an einer engeren Verzahnung mit Partnern in anderen europäischen Ländern, wie SURF in den Niederlanden. Eine tolle Chance, sich einen lebendigen Eindruck von den interessantesten Trends und Erfahrungen mit neuen Technologien im Hochschulbereich zu machen, wird auf jeden Fall unser University.Future Festival vom 6. bis 8. Oktober 2020 in Berlin bieten!

Dr. Nils Weichert: Im schulischen Unterrichtsalltag wird in Deutschland bislang kaum KI eingesetzt. Es gibt aber erste Ansätze dafür. Im Lernlabor des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz in Kaiserslautern werden beispielsweise Schulbücher entwickelt, die erkennen, ob die Kinder dem, was sie lesen, folgen können. Das Potential von KI liegt aber nicht im Ersatz der Lehrkräfte durch Roboter, sondern in der Unterstützung und Entlastung von Lehrkräften bei Routineaufgaben wie der Bewertung von Tests und der Erstellung von individuellen Lernmaterialien.


Hinter dem
Hochschulforum Digitalisierung stehen neben dem Stifterverband auch die Hochschulrektorenkonferenz und das CHE. Das Forum Bildung Digitalisierung wird von derzeit acht renommierten Stiftungen getragen: Mit diesen Träger-Organisationen verbinden sich sicherlich auch gewisse Erwartungen und Visionen. Wie würden Sie diese Intentionen Ihrer Stakeholder kurz zusammenfassen – und wie sieht jeweils der gemeinsame Nenner Ihrer Träger aus? Planen oder wünschen Sie, Ihren Trägerkreis künftig weiter auszubauen?

Dr. Nils Weichert: Der Einsatz digitaler Medien bietet vielfältige Chancen für das Lehren und Lernen und kann positiv zu einer inklusiven Gesellschaft beitragen, in der jeder sein individuelles Potenzial besser entfalten kann. Im Zentrum unserer Arbeit steht die Förderung von Teilhabe und Bildungsgerechtigkeit. Besonders Kinder und Jugendliche müssen in die Lage versetzt werden, die Chancen der Digitalisierung nutzen zu können, um die Gesellschaft aktiv und wertegeleitet mitzugestalten. Zentrale Voraussetzungen dafür sind, dass erstens das Lernen mit digitalen Medien nicht vom Einkommen der Eltern oder vom Wohnort abhängig ist, und dass zweitens Lehrkräfte den erweiterten pädagogischen Handlungsspielraum, der durch den Einsatz digitaler Medien entsteht, auch nutzen können. Genau daran arbeiten wir gemeinsam mit unseren Mitgliedstiftungen im Forum Bildung Digitalisierung.

Oliver Janoschka: Wir sind durch das BMBF finanziert und haben in unserem strategischen Lenkungsgremium auch den Generalsekretär der KMK und damit die Länder mit an Bord. Das Besondere am HFD ist, dass sich alle Partner darin einig sind, auf die Strahlkraft dieses gemeinsamen Netzwerks zu setzen und dort auch mehr kontroverse und mutige Positionen vertreten werden als das vielleicht in der jeweiligen Institution denkbar wäre. Unser wahres Alleinstellungsmerkmal besteht allerdings in einer großartigen Community von aktuell weit mehr als 1.000 engagierten Stakeholdern, die sektoren- und statusgruppenübergreifend die Gestaltungsoptionen der digitalen Transformation erlebbar machen und den Diskurs vorantreiben. Mittelfristig wird für das HFD zu prüfen sein, wie ein zukünftiges Trägermodell aussehen könnte, das die Agilität eines Projektes mit der Weiterentwicklung der Marke und einer tragfähigen Mitglieder-Struktur verknüpft.


Wenngleich ihre Einrichtungen unterschiedlich jung sind, erlauben Sie uns abschließend die Bitte nach einem ersten Fazit: Welches waren für Sie in den vergangenen Jahren die wichtigsten „Learnings“: Was hat gut oder nicht so gut funktioniert und worauf möchten Sie in den kommenden Jahren den Fokus richten?  

Oliver Janoschka:  Die Rolle des HFD als agiles Community-Netzwerk differenziert sich immer weiter aus und die Initiative nimmt zunehmend Fahrt auf. Daher wird das Projekt – fast nebenbei – selbst zum Accelerator und Katalysator für die deutschen Hochschulen. Aus unserer eigenen Learning-Journey würde ich gerne drei Punkte hervorheben, die mir sehr wichtig für die Zukunft erscheinen:

Erstens können wir noch viel besser darin werden, unsere Angebote im Austausch mit der Community weiterzuentwickeln. Besonders spannend wird es, wie wir neue Zielgruppen erreichen und innovative Formate der Prozessbegleitung erproben können; in den letzten zwei Jahren haben wir beispielsweise damit angefangen, mehr mit Kanzler:innen und Studiendekanen:innen zusammenzuarbeiten – die Nachfrage war groß. Denn es geht ja in Zukunft nicht zuletzt auch darum, die Digitalisierungsprozesse in der Verwaltung voranzubringen und die „Transformational Literacy“ in den Hochschulen zu stärken.

Zweitens sehen wir ein großes Potential darin, Studierende nicht nur als Rezipienten einer digital unterstützten Lehre zu betrachten, sondern wir sind überzeugt, dass sie als Digitale Changemaker die Hochschulen inspirieren und voranbringen können. Wir haben hier erste Schritte gemacht, um ein engagiertes Netzwerk von Studierenden aufzubauen, das auf allen Ebenen lokal, regional, und bundesweit produktiv zum Einsatz kommt und weiter ausgebaut werden sollte.

Und drittens müssen wir unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten neu ausloten, wie wir uns als Projekt in unseren eigenen Strukturen und Prozessen virtuell weiterentwickeln können. Hier liegt sicher noch ein größeres Vernetzungspotential und wir könnten unser Angebotsportfolio sukzessive unabhängiger von klassischen Präsenzveranstaltungen machen.

Dr. Nils Weichert: Notwendig sind aus unserer Sicht erstens ganzheitliche Schulentwicklungsprozesse, zweitens die Anpassung der Rahmenbedingungen und drittens eine gute technische Ausstattung. Wir arbeiten deshalb eng mit Bund und Ländern zusammen, weil wir davon überzeugt sind, dass wir nur zusammen diese komplexen Aufgabe bewältigen. Eine wichtige Erkenntnis der gemeinsamen Aktivitäten war, dass gerade Schulleitungen und Schulträger verstärkt Unterstützungsangebote benötigen. Diesem Thema haben wir uns angenommen und werden ab 2020 ganz gezielt diese Zielgruppe bei der Gestaltung des digitalen Wandels unterstützen. Wir werden beispielsweise Werkstätten mit Schulträgern durchführen und dort Leitfäden, Planungsvorlagen und Checklisten für die Zusammenarbeit mit Schulen, Schulaufsicht und Medienberatungen entwickeln.

 


Transparenz-Hinweis:
Die Bertelsmann Stiftung ist institutionelles Gründungsmitglied des gemeinnützigen Vereins Forum Bildung Digitalisierung e.V. Die derzeit sieben weiteren Mitgliedstiftungen sind: Deutsche Telekom Stiftung, Dieter Schwarz Stiftung, Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft, Robert Bosch Stiftung, Siemens Stiftung, Stiftung Mercator und Joachim Herz Stiftung.

Das Hochschulforum Digitalisierung ist eine gemeinsame Initiative des Stifterverbands, der Hochschulrektorenkonferenz und des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE). Die Bertelsmann Stiftung ist Mehrheitsgesellschafter des gemeinnützigen CHE.

 



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