Mehr digitale Chancengerechtigkeit!

Bald entscheidet sich, ob Schulen und Kitas noch länger geschlossen bleiben. Doch je länger die Schüler online lernen sollen, desto stärker drohen die weniger privilegierten Kinder zurückzufallen.

Chancengerechtigkeit im Bildungssystem zu erreichen, ist in Deutschland nach wie vor eine der größten Herausforderungen. Der Bildungserfolg hängt stark von der sozialen Lage der Kinder ab; in der noch weit verbreiteten Halbtagsschule spielt der familiäre Hintergrund und die Unterstützung durch die Eltern am Nachmittag eine erhebliche Rolle für den Schulerfolg.

In der Corona-Krise gewinnt die familiäre Herkunft nochmal an Bedeutung: Die Schüler:innen sollen sich im Homeschooling, unterstützt durch ihre Eltern und mit Hilfe von digitalen Lernmaterialien, Schulstoff erarbeiten und vertiefen. Die Schere zwischen Kindern aus benachteiligten und privilegierteren Schichten droht sich dabei weiter zu öffnen. Die Frage nach digitaler Chancengerechtigkeit muss jetzt stärker in den Fokus rücken. Wir von der Bertelsmann Stiftung haben dazu ein paar Daten und Fakten zusammengetragen.

Nicht alle Familien haben digitale Endgeräte

Beim Homeschooling benötigen die Schüler:innen digitale Endgeräte, um ihre Lernaufgaben entsprechend zu bearbeiten. Ein Handy reicht aber für die meisten digitalen Lernangebote nicht aus. Notwendig sind ein größerer Bildschirm sowie ein höherer Funktionsumfang. Für viele Aufgabenblätter, die aktuell von Lehrkräften per E-Mail verschickt werden, ist zudem ein Drucker unerlässlich.

Die BITKOM-Studie 2019 zeigte, dass von den 16- bis 18-Jährigen immerhin 77 Prozent einen eigenen Computer haben, bei den 12- bis 13-Jährigen sind es 51 Prozent. Im Jahr 2018 hatten laut KIM-Studie 81 Prozent der Haushalte, in denen Kinder zwischen sechs und 13 Jahren aufwachsen, einen Computer oder Laptop. Ein Tablet hatten 38 Prozent. Gerade in ärmeren Familien fehlt die technische Ausstattung häufig. Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigen, dass es bei 13,9 Prozent der 1,67 Millionen Kinder unter 15 Jahren mit Hartz-IV-Bezug aus finanziellen Gründen keinen Computer mit Internet im Haushalt gibt. Eigene Smartphones sind zwar auch bei diesen Kindern zumindest ab 12 Jahren die absolute Regel, aber diese Geräte eignen sich nur sehr bedingt für Unterrichtszwecke. Nicht nur die kleinen Displays behindern das Lernen, sondern auch die begrenzten Datenvolumina.

Die absoluten Zahlen verdeutlichen die Herausforderung: Wir reden hier allein von mehr als 230.000 Kindern im SGB II-Bezug, die nicht am digitalen Homeschooling teilnehmen können. Und selbst wenn ihre Familie einen Laptop oder PC besitzt, wird es dann schwierig, wenn gleichzeitig mehrere Kinder darauf zugreifen müssen und auch noch Elternteile im Homeoffice arbeiten.

Die Wohnverhältnisse lassen ungestörtes Arbeiten nicht zu

Hinzu kommt die Wohnsituation bei vielen Familien im unteren Einkommensbereich. Sie lässt es vielfach kaum zu, dass die Kinder einen ruhigen Platz für Schulaufgaben finden. Laut Zahlen des Mikrozensus leben mindestens ein Viertel aller Haushalte ab drei Personen in Großstädten in zu kleinen Wohnungen. Dieses Problem wird in der Corona-Krise noch verschärft, wenn sich nahezu alle Familienmitglieder ganztägig in dem beengten Wohnraum aufhalten. An ausreichenden Zimmern in der Wohnung fehlt es bei 20 Prozent der Kinder in Hartz-IV-Haushalten aus finanziellen Gründen.

In unserer Befragung „Children’s Worlds+“ haben die Kinder und Jugendlichen selbst die Bedeutung und die Probleme des Fehlens eines eigenen Rückzugsorts zum Arbeiten deutlich thematisiert. Mit Blick auf ein eigenes Zimmer offenbarten sich in der Befragung schulformspezifische Unterschiede: Während 90 Prozent der Gymnasist:innen ein eigenes Zimmer für sich haben, ist dies nur bei  gut 75 Prozent der Hauptschüler:innen der Fall.

Auch die digitale Kompetenzen unterscheiden sich nach der Herkunft

Die ICILS-2018-Studie hat gezeigt, dass es in Deutschland auch bei den digitalen Kompetenzen eine Spaltung nach der sozialen Herkunft gibt: Der Anteil der Schüler:innen, die nur die beiden unteren Kompetenzstufen bei den computer- und informationsbezogenen Kompetenzen erreicht, ist bei Achtklässler:innen aus Familien mit niedrigem kulturellen Kapital mehr als doppelt so hoch wie bei ihren Klassenkamerad:innen aus Familien mit hohem kulturellen Kapital. Auch bei Kindern aus sozioökonomisch weniger privilegierten Familien oder Familien mit Migrationsgeschichte finden sich deutliche Kompetenzrückstände. Diese vor der Krise vorhandenen Kompetenzrückstände werden sich beim digitalen Lernen zu Hause auch auf andere Fächer wie Mathematik, Deutsch und Geschichte negativ auswirken.

Schließlich können die Eltern ihre Kinder beim Homeschooling unterschiedlich gut unterstützen. Denn auch im Erwachsenenalter (PIAAC 2012) unterscheiden sich die Kompetenzen im Umgang mit neuen Technologien nach sozialer Herkunft und erworbenem Bildungsabschluss. Zudem haben aktuell viele Eltern, und wiederum insbesondere die im unteren Einkommensbereich, begründete Existenzängste. Sie machen Kurzarbeit, haben Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, und keine Rücklagen, die sie durch die Krise bringen könnten. Angesichts dieser Unsicherheiten ihre Kinder zum Lernen zu motivieren und anzuleiten, bringt sie an ihre Grenzen.

Was die Politik jetzt tun sollte

Wir brauchen jetzt dringend kurz- und mittelfristige Ansätze, die im Besonderen benachteiligte Kinder erreichen. Damit der Zugang zum Lernen zumindest nicht am fehlenden WLAN-Zugang oder dem ausgeschöpften Datenvolumen scheitert, sind die Mobilfunkanbieter gefragt. So wie in den USA sollten sie vorhandene Hotspots vorübergehend öffentlich zugänglich machen und ihre Datenpakete für Schüler:innen deutlich erhöhen.

Wenn die digitale Infrastruktur zu Hause nicht verfügbar ist, muss die Schule kurzfristig mit gedruckten Materialien helfen, die nach Hause geschickt werden. Dabei ist die Schule als Institution gefragt; das kann nicht „private“ Aufgabe der Lehrer:innen sein. Digitales Lernen ist aber auch mehr als die Bereitstellung der Lernmaterialien. Es ist essentiell, dass die Lehrkräfte gerade zu den Schüler:innen aus schwierigeren und prekären familiären Verhältnissen Kontakt halten – hier kann das Smartphone eine zentrale Rolle spielen. So können Motivation, Unterstützung und Feedback zu den Lernaufgaben per Video-Chat gegeben werden.

Kinder benötigen aktuell aber mehr als nur schulische Unterstützung im Umgang mit der neuen Situation, mit ihren Ängsten und Sorgen – besonders, wenn die Situation zu Hause angespannt ist. Die Teams der Ganztagsbetreuung und die Sozialarbeiter:innen haben hier eine zentrale Rolle. Die Länder sind dringend gefordert, klare rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, was die Kommunikation zwischen Schule, Kindern und Elternhaus angeht.

Mittelfristig müssen die Gelder aus dem Digitalpakt Schule die Länder, Schulträger und Schulen unbürokratisch und schneller als bisher in die Lage versetzen, flächendeckende Lösungen in Richtung einer datensicheren Infrastruktur umzusetzen. Es müssen Endgeräte, Lernmaterialien und Bildungsinhalte erworben werden, die allen Kindern zur Verfügung gestellt werden können. Zudem sollten gerade bei Kindern aus sozial benachteiligten Schichten digitale Kompetenzen gezielter gefördert werden.

Derzeit wissen wir noch nicht, wann der Unterricht in den Schulen fortgesetzt werden wird. Eines ist jedoch klar: Bei Fragen der Chancengerechtigkeit muss die Politik die digitale Chancengerechtigkeit immer mitdenken. Das zeigen die aktuellen Schulschließungen – trotz der vielfach auch positiven Erfahrungen mit digitalem Lehren und Lernen – sehr deutlich. Wir müssen in dieser Ausnahmesituation lernen und Schlüsse für eine chancengerechte digitale Bildung insgesamt ziehen. Denn auch wenn alle wieder wie gewohnt in die Schule gehen können, das digitale Lernen geht hoffentlich nicht wieder weg.


Dieser Text ist erstmals am 9. April 2020 in leicht gekürzter Fassung als Gastbeitrag bei jmwiarda.de erschienen.



Kommentare

  1. / von Rosemarie Steger

    Ich bin Lehrerin an einer Oberschule. Mich beschäftigt aktuell die Frage, ob sich wirklich alle Kompetenzen, die an der Schule aufgebaut werden sollen, in Datenform transportiert werden können. Ich habe heute versucht, einen Analyseauftrag, für den verschiedene Bilddateien miteinander verglichen werden sollen, als e-learning-Aufgabe zu programmieren. Der Tag war ergebnislos, obwohl mir die Aufgabe eigentlich nicht so schwierig erschien. Im Unterricht würde ich die Materialien ausgeben und dazu ein Aufgabenblatt zum Ausfüllen. Aber wenn die Schüler_innen sich zu irgendeiner Zeit mit dem Material beschäftigen, werden sie sich in einer Ansammlung von Dateien wohl kaum zurechtfinden. Wie also soll ich Analysefähigkeit als Kompetenz entwickeln. Ich befürchte, dass e-learning nur noch Informationen nennt und wieder abfragt.

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