Chancengerechtigkeit statt föderaler Verteilungskämpfe

Jedes Kind hat das Recht auf gutes Aufwachsen, Bildung und Teilhabe. Dieses Recht wird in Deutschland jedoch nur ungenügend verwirklicht. Das hat uns die Coronakrise einmal mehr vor Augen geführt. Seit den deutschlandweiten Schulschließungen ist die Digitalisierung zwar in aller Munde, vielen Kindern fehlt jedoch nach wie vor die Basisausstattung – Endgeräte und schnelles Internet – fürs digitale Lernen. Besonders stark sind dabei Kinder aus in Armut lebenden Familien betroffen. Der politische Wille ist erfreulich, diese Benachteiligung jetzt auszugleichen. Die Umsetzung ist allerdings mangelhaft, denn Länderproporz schlägt einmal mehr Bedürftigkeit.

Bildungschancen sind in Deutschland ungleich verteilt

Seit vielen Jahren wissen wir: Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Familien haben es im deutschen Bildungssystem deutlich schwerer, erfolgreich zu sein. Schüler:innen, die in armen Familien aufwachsen, haben geringere Bildungschancen und erleben immer wieder Benachteiligungen. Das beginnt mitunter mit einer verspäteten Einschulung und geht über ein höheres Risiko für Klassenwiederholung bis hin zu selteneren Empfehlungen für den Übergang auf das Gymnasium als ein Akademikerkind. Am Ende der Sekundarstufe I weisen Schüler:innen aus Elternhäusern mit hohem sozioökonomischen Status laut IQB-Bildungsbericht[1] im Bundesschnitt einen Lernvorsprung von 79 Punkten im Fach Mathematik im Vergleich zu Schüler:innen aus Familien mit niedrigem Status auf. Das entspricht dem Lernzuwachs von etwa eineinhalb Schuljahren.

Zugang zu digitalen Endgeräten für alle Kinder ist eine Notwendigkeit

Während der Schulschließungen waren insbesondere Kinder aus benachteiligten Familien abgehängt. Neben mangelnder Unterstützungsmöglichkeiten durch Eltern beim Lernen und einem ruhigen Platz zum Arbeiten fehlt es bei armen Kindern häufig auch an der Ausstattung mit digitalen Endgeräten: 24 Prozent der Kinder im SGB II-Bezug haben keinen Computer mit Internetanschluss (im Gegensatz zu 2,2 Prozent der Kinder in gesicherten Einkommensverhältnissen). Ein im Juli aufgelegtes, 500 Millionen Euro starkes, Soforthilfeprogramm der Bundesregierung zur Beschaffung von mobilen Endgeräten für arme Schüler:innen soll hier Abhilfe schaffen.

Die nun beschlossene Aufteilung der Gelder erzeugt jedoch das Gegenteil von Chancengerechtigkeit. Insgesamt leben in Deutschland rund 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Armut. Sie verteilen sich aber nicht gleichmäßig über alle Länder. Während in Bayern und Baden-Württemberg 6,3 bzw. 8,1 Prozent der Kinder unter 18 Jahren im SGB II-Bezug leben, liegt ihr Anteil in Bremen bei 31,6 und in Berlin bei 27 Prozent.[2] Die Verteilung der 500 Millionen Euro auf die Länder ignoriert jedoch diese unterschiedlichen Bedarfe. Im Gegenteil: Denn sie basiert stattdessen auf dem Königsteiner Schlüssel. Weil der hauptsächlich am Steueraufkommen orientiert ist, profitieren insbesondere die reichen Bundesländer vom Geldsegen aus Berlin, nicht jedoch die Länder mit der höchsten Quote armer Kinder.  So stehen für 6- bis unter 18-Jährige im SGB II-Bezug in Bayern im Schnitt 937 Euro für die Anschaffung digitaler Endgeräte zur Verfügung, während auf ein Kind im SGB II-Bezug in Bremen nur 229 Euro an Bundesmitteln entfällt.

Aufteilung der Mittel nach tatsächlichen Bedarfen

Bleibt es dabei, werden arme Schüler:innen in der jetzigen Krise weiter abgehängt und ihrer Chancen beraubt. Das darf und kann nicht das Ergebnis eines föderalen Verteilungskampfes sein. Im Zentrum müssen jene stehen, um die es geht: Kinder und Jugendliche. Ihr Bedarf muss Vorrang vor Proporz haben. Auf Basis unseres Factsheets-Kinderarmut zeigt die Gesellschaft Chancengleichheit e.V. wie eine solche bedarfsgerechte Aufteilung der Mittel aus dem Soforthilfeprogramm aussieht.[3] Dieser Vorschlag sollte umgesetzt werden, damit alle Kinder über die notwendigen technischen Voraussetzungen verfügen, um digital lernen zu können.


[1] IQB-Bildungstrend 2018 in der Sekundarstufe I

[2] Factsheet Kinderarmut der Bertelsmann Stiftung

[3] Offener Brief Gesellschaft Chancengleichheit e.V.


Dieser Text ist bereits als Gastbeitrag im zwd-POLITIKMAGAZIN erschienen.



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